Flugbericht: Eine Fliegerlegende auf dem Weg nach Finnland

Mit der Boeing 727-200F Super 27 von Hamburg nach Ivalo

Prolog

Der Morgen beginnt unspektakulär, beinahe träge. Hamburg liegt unter einer tiefhängenden Wolkendecke. Es ist einer dieser Tage, an denen man nicht fliegen will, sondern muss und genau das sind meistens die besten.

Der Anruf kommt früh. Zu früh für gute Nachrichten, aber zu spät, um ihn zu ignorieren. In Nordfinnland ist kurzfristig Fracht ausgefallen. Zeitkritisch, wichtig, nicht verschiebbar. Ersatzteile, medizinisches Material, Dinge, die man nicht einfach auf den nächsten Linienflug warten lässt. Das Problem: Es gibt keinen nächsten Linienflug. Kurz vor Weihnachten ist alles voll, jedes verfügbare moderne Frachtflugzeug entweder unterwegs oder defekt. Und so fällt der Blick zwangsläufig auf einen Namen, der bislang höchstens in einer Fußnote auftauchte.

Die Boeing 727-200.

Ein Flugzeug, das eigentlich längst Geschichte sein sollte. Und doch steht sie da, einsatzbereit, frisch gewartet, mit mehr Flugstunden als so mancher Flughafen Ankünfte gesehen hat. Früher flog sie Passagiere für Trans World Airlines, heute trägt sie Fracht durch die Dunkelheit des Nordens. Man hat ihr neue Avionik spendiert, stärkere Triebwerke, modernere Systeme – man nennt sie jetzt Super 27 –, aber im Kern ist sie geblieben, was sie immer war: ein Arbeitstier.

Als wir das Vorfeld in Hamburg betreten, wirkt sie fast ein wenig fehl am Platz zwischen all den modernen Zweistrahlern. Sie ist einfach grundlegend anders, und genau deshalb fällt sie auf. Das T-Leitwerk ragt in den grauen Himmel, die drei Triebwerke wirken wie eine Erinnerung daran, dass Effizienz früher anders definiert wurde.

Im Cockpit fühlt sich alles vertraut und fremd zugleich an. Schalter, Knöpfe, Drehregler – überall, wohin das Auge blickt. Zwischen vereinzelten modernen Displays dominieren weiterhin Rundinstrumente. Es ist und bleibt ein Uhrenladen, auch mit Super-27-Ausstattung.

Während draußen die letzten Boxen im Frachtraum verschwinden, arbeitet sich drinnen unsere Crew durch die Prozeduren. Fünfzehneinhalb Tonnen Fracht liegen hinter uns, kein einziger Passagier. Das Flugzeug bleibt sauber innerhalb seiner Gewichtsgrenzen, der Treibstoff ist großzügig kalkuliert, der Flugplan steht. Hamburg (EDDH) nach Ivalo (EFIV). Ab in den Norden.

Drehen, Drücken, Schalten und Verwalten

Ein Drei-Mann-Cockpit trägt diesen Namen nicht ohne Grund, denn die Rolle des Flugingenieurs ist alles andere als nebensächlich. Zum Glück greift uns FSS mit dem Crew Manager im Handy-Design unter die Arme und reduziert die Arbeitslast erheblich. Während das neue virtuelle Crewmitglied fleißig die notwendigen Checks abarbeitet und sich auch akustisch bemerkbar macht, kümmere ich mich um alles Organisatorische rund um den Flug.

Im authentisch gestalteten Klemmbrett-EFB finden sich die Steuerung der Ground-Ops – GPU, Chocks, Türen –, die Beladung von Fracht und Treibstoff inklusive SimBrief-Import, Performance-Rechner für Take-off, Descent und Landing, sowie natürlich Navigraph-Charts. An Fracht ist heute wieder alles Mögliche dabei. Neben den üblichen Containerpaletten transportieren wir zwei Pferde und einen Öltank. Eine ungeplante Emergency Landung wäre heute also wirklich das Letzte, was wir gebrauchen könnten.

Während der First Officer draußen den Walk-around erledigt und der Flight Engineer die Systeme hochfährt, befasse ich mich mit der Route. Nach dem Verlassen Hamburgs geht es über Lübeck und Kopenhagen Richtung Schweden. Stockholm passieren wir auf unserer geplanten Reiseflughöhe von 35.000 Fuß, bevor wir weiter nach Finnland fliegen. Ungefähr auf der Höhe von Rovaniemi – dessen Flughafen wir auch als Alternate einplanen – beginnt später der Sinkflug. Geplante Flugzeit: rund 2 Stunden und 45 Minuten.

So weit, so unspektakulär. Die Route steht, nun muss sie nur noch ins Flugzeug. Im Vergleich zum klassischen INS der originalen Boeing 727-200 ist das verbaute GNS-XLS FMS ein Quantensprung. Mit wenigen Eingaben weiß der Flieger exakt, wo wir sind und wo wir hinwollen. Passend dazu liefert das MX20-Multifunktionsdisplay alle relevanten Informationen zu Navigation und Wetter auf einen Blick; modern, übersichtlich und ein deutlicher Komfortgewinn. Dennoch bleibt der Charakter des Fliegers gleich und wirkt keinesfalls wie ein Airbus.

Pushback, Start und der Weg nach Norden

Mit dem Abschluss der Checklisten und der Freigabe zum Pushback erwacht die 727 endgültig zum Leben. Ein Triebwerk nach dem anderen läuft hoch, begleitet von diesem unverwechselbaren Klang. Leise ist anders – aber genau so soll es sein. Man bedenke jedoch, dass unsere Super 27 mit den JT8D-217C Triebwerken bereits leiser ist als ihre Vorgängerin.

Der Taxiweg führt uns gemächlich zur Startbahn. Nach dem Line-up noch ein letzter Blick über die Instrumente, dann Schub rein. Die drei Triebwerke liefern zuverlässig, der Startlauf ist länger als bei modernen Jets, aber stabil und kontrolliert. Bei Rotationspeed hebt die 727 sauber ab und arbeitet sich durch die Wolkendecke, hinein in das gleichmäßige Grau des Nordens.

Im Steigflug übernimmt der moderne Autopilot Collins APS-85, und mit Erreichen von FL350 kehrt Ruhe ein. Unter uns zieht Skandinavien vorbei, erst noch vereinzelte Lichtpunkte, später fast nur noch Dunkelheit. Die Super-27-Avionik zeigt hier ihre Stärke: Mit der EFIS-Suite und einem modernen Autopiloten erfahren wir ein rundes und angenehmes Flugerlebnis während wir weiterhin in einer 727, einem Kind der 1960er, sitzen. Es ist genau diese Balance aus Mitdenken und Unterstützung, die den Flug so besonders macht.

Anflug auf Ivalo

Je weiter wir nach Norden kommen, desto spürbarer wird der Winter. Die Temperaturen fallen, erste Schneeschauer tauchen auf. Der Sinkflug beginnt wie geplant kurz vor Rovaniemi, das ILS für Runway 22 in Ivalo ist vorbereitet. Viel Spielraum gibt es hier nicht, Konzentration ist gefragt.

Der Anflug verläuft ruhig, es ist ausgezeichnetes Wetter hier so weit im Norden. Trotz der Polarnacht, das heißt ein ganzer Tag ohne richtig aufgehende Sonne, haben wir eine gute Sicht. Auch ohne sichtbare Sonne, wird die Schneelandschaft durch wenige Sonnenstrahlen erhellt. Vor uns taucht die Runway auf, was bedeutet: Autopilot aus, nun wird händisch geflogen. Die 727 reagiert direkt. Es folgt ein sanftes Abfangen, dann setzt sie auf. Kurz darauf hört man das automatische Ausfahren der Spoilers, auch dies ist eine Neuerung der Super 27.

Nach dem Ausrollen stehen wir allein auf dem kleinen Vorfeld von Ivalo. Es dauert nicht lange bis es dunkel wird. Wir hatten also das richtige Zeitfenster im Anflug getroffen. Schneeflocken treiben im Licht der Lampen, die Fracht wird entladen. Auftrag erfüllt.

Nachklang

Dieser Flug zeigt eindrucksvoll, wofür die Boeing 727-200 Super 27 von FSS gemacht ist. Sie ist kein modernes Komfortprodukt wie ein Airbus, sondern ein Stück Luftfahrtgeschichte, sinnvoll modernisiert und hervorragend umgesetzt. Wer bereit ist, sich auf ihre Eigenheiten einzulassen, bekommt ein intensives, glaubwürdiges Flugerlebnis. Und mit etwas Fantasie, wie auf der heutigen Route, wird jeder Flug zu einem kleinen Abenteuer.
Doch nun: Feierabend und den Weihnachtsmann besuchen. 🧑‍🎄

Frohe Weihnachten, genießt die Festtage!


Weiteres

Szenerien:

Flugzeug:

Vielen Dank an die FlightSim Studio AG für das Bereitstellen einer Testversion der Super 727!

Livery:

In Zusammenarbeit mit dem talentierten Liverydesigner AJP_Creations ist diese fiktionale Lackierung mit passender Registrierung entstanden. Das Design ist angelehnt an eine mögliche Weiternutzung einer ehemaligen Trans World Airlines Maschine. (siehe zB hier)

Vielen Dank an AJP, schaut bei im auf Flightsim.to vorbei:

Sonstiges:

7 Kommentare
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RainerO
RainerO
1 Monat zuvor

Sehr schön. Vielen Dank.

Phil
Phil
1 Monat zuvor

Das „erbricht“ mich immer noch an, dass ich nie die Chance hatte, mit einer 727 zu fliegen, da sie mein absoluter Lieblingsairliner ist.

Am nächsten war mal eine 737-200 in 2012, also auch ein Flieger der zu dem Zeitpunkt schon Seltensheitscharakter hatte, aber halt nicht die Schönheit der 727.

Marco259
Marco259
1 Monat zuvor

Danke, schöner Bericht. Und habe nebenbei erfahren das jetzt ChasePlane für den MSFS 2024 verfügbar ist. Frohe Weihnachten Euch allen

Dieter Reperich
Dieter Reperich
1 Monat zuvor

Sehr beeindruckende Fotos und ein toller Bericht mit der Boeing 727

Artur
Artur
1 Monat zuvor

Super, danke und frohes Fest!

Stefan EDDF
Stefan EDDF
27 Tage zuvor

Die Lufthansa war übrigens die erste europäische Airline, die die Boeing 727 einsetzte. Anfang der 80er hatte ich ein paar Flüge und kann mich noch gut an den Ausgang am Heck erinnern mittels ausklappbarer Treppe.

 

Zur Info: Weltweit sind heute nur noch etwa 22 Boeing 727 aktiv im Einsatz. Frachtbetrieb:

Einige wenige Maschinen sind noch als Frachter im Einsatz. Sie werden von kleineren Cargo-Betreibern genutzt, die robuste Flugzeuge für spezielle Routen oder Märkte benötigen.

Regierungs- und Militärnutzung:

Manche 727 dienen noch als Regierungsflugzeuge oder für militärische Transportaufgaben. Diese Einsätze sind selten, aber sie zeigen die Vielseitigkeit und Langlebigkeit des Typs.

Besondere Fälle:

Zwei der verbliebenen Maschinen sind über 57 Jahre alt und gelten als Symbol für die außergewöhnliche Haltbarkeit des Modells. Aktuelle Betreiber der Boeing 727

Die letzten aktiven Maschinen sind sehr verstreut und werden nicht mehr im regulären Passagierverkehr genutzt. Typische Betreiber sind:

·     Cargo-Airlines (Frachtbetrieb):

·     Kelowna Flightcraft (Kanada) – setzt 727 als Frachter ein.

·     Transair Cargo (Ghana) – betreibt noch einzelne 727 für regionale Frachtflüge.

·     AeroSucre (Kolumbien) – bekannt für den Einsatz alter 727-Frachter.

·     Cargojet (Kanada) – hatte lange 727 im Einsatz, heute nur noch vereinzelt.

·     Regierungs- und Militärflotten:

·     Einige Regierungsmaschinen in Afrika und Südamerika sind noch aktiv.

·     Militärische Transportaufgaben in Ländern mit begrenztem Zugang zu moderneren Flugzeugen.

·     Spezial- und Privatnutzung:

·     Einzelne Maschinen werden für VIP-Transporte oder als Testplattformen genutzt.

Die aktiven Boeing 727 werden auch fast alle von AIG umgesetzt wer coolen AI Traffic sucht. Happy Ney Year all!

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