Review: Aerofly Professional Deluxe

aerofly1Hand auf’s Herz: Wer hat als Bub nicht davon geträumt, irgendwann einmal Pilot zu werden? Und wie viel Zeit und Geld haben wir seitdem in diesen Traum investiert? Klar, mit einem Flugsimulator kann man schon vieel besser träumen, doch es ist keine Entschädigung dafür, ein echtes Flugzeug zu steuern. Die Modellfliegerei bietet für viele einen guten Kompromiss, hat jedoch den Nachteil, dass sie sehr kostenintensiv sein kann. Um dem entgegenzuwirken, gibt es seit einiger Zeit Modellflugsimulatoren an deren Spitze der Aerofly Professional Deluxe steht. Wir haben ihn uns genauer angesehen…

Review Aerofly Professional Deluxe

Doch bevor wir nun in die Rezension einsteigen, ein paar einleitende Worte. Selbstverständlich gehören Modellflugsimulatoren nicht in die Domäne von simFlight.de, insofern mag die Verwunderung mancher Leser berechtigt sein. Doch die Flugsimulator-Konferenz 2007 in Paderborn hat gezeigt, wie viele Flight Simulator Enthusiasten selbst aktive Modellflieger sind – oder es noch gerne werden möchten. Eine bemerkenswert große Menschentraube scharte sich um den Stand von IPACS, den Entwicklern des Aerofly Professional Deluxe Modellflugsimulators. Bewundernde Worte wie „oh, diese Grafik…” oder „das ist ja unglaublich, hast Du den Modellflugsimulator gesehen…?” machten die Runde.

Übrigens: In der Modellflugszene ist ihm bereits eine große Aufmerksamkeit zuteil geworden und er hat sogar bereits einige Preise gewonnen.

Umfang und Installation

Der Aerofly Professional Deluxe kann nur als boxed-product bei im Modellbau-Fachhandel oder direkt beim Publisher Ikarus unter www.ikarus-modellbau.de gekauft werden. Kostenpunkt 179,- € bzw. 229,- €, wenn man noch einen „Sender” dazu haben möchte. Standardmäßig sind in beiden Versionen bereits zwei Addons enthalten. Und wieder richtig gelesen: „Addons”! Es gibt in der Tat eine etablierte Aerofly-Community. Doch mehr dazu später.

Die Installation verläuft völlig problemlos und dürfte auch für Computer-Neulinge keine unlösbare Herausforderung darstellen. Der Installer hielt jedoch eine kleine Überraschung parat: Und zwar den Lizenzvertrag, dem man zustimmen muss, um die Installation fortzusetzen. Ironischerweise heißt es dort sinngemäß „wenn Sie dem Lizenzvertrag nicht zustimmen, bringen Sie den ungeöffneten Karton zu Ihrem Händler zurück…”. Das dürfte schwierig werden…

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Während der Installation sollte man schon einmal einen Blick in das Handbuch werfen. Es umfasst neben Hinweisen und der Bedienweise des Programms eine Einführung in den Modellflug. Da das Handbuch prägnant und ohne Umschweife geschrieben ist, sollten all jene Interessierte, die mit Modellflug (noch) nicht so viel am Hut haben, das Handbuch lesen. Schließlich will der Modellkunstflug ja bestmöglich beherrscht werden.

Der Aerofly Professional Deluxe enthält 84 Flugzeugmodelle, so dass eigentlich jeder Modellflieger das für sich geeignete Trainingsmaterial finden dürfte. Die 28 Szenerien unterteilen sich in 14 3D-Szenerien und die qualitativ besseren fotorealistischen Szenerien. Je nach Version und Ausstattung ist auf Wunsch auch eine Fernsteuerung enthalten, die uns freundlicherweise auch zur Verfügung gestellt wurde und uns das Leben deutlich leichter gemacht hat.

Erste Eindrücke

Der Aerofly Modellflugsimulator macht es einem nun wirklich nicht leicht. Wer lediglich vom Flight Simulator her die Steuerung per Joystick kennt und möglicherweise sogar oft mit Unterstützung der Auto-Ruder-Funktion fliegt, wird im virtuellen Modellflug umdenken müssen. Der Einsatz der „Fernsteuerung” erfordert ein Umdenken – logischerweise! Besonders positiv anzumerken ist, dass Modellflieger die beiden Knüppel austauschen können. Damit ist ein physischer Austausch der Achse für das Gas von der linken auf die rechte Seite der Fernsteuerung gemeint. Schließlich fliegt jeder Modellflieger nach seiner eigenen Fasson und ein echtes Simulatortraining wäre ohne den Tausch eben nicht gewährleistet. Allerdings ist für das Aufschrauben der Steuereinheit und dem Austausch viel Fingerspitzengefühl gefragt. Aber Hand aufs Herz: Modellflieger sind Bastler – und echte Bastler schaffen das! Dem Aerofly-Simulator liegt für dieses Prozedere eine illustrierte Anleitung bei, die wirklich sehr hilfreich ist.

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Die Flugzeugmodelle

Herz des Simulators sind natürlich die enthaltenen Flugzeugmodelle, die, je nach realem Vorbild, eher zweckmäßig oder hochdetailliert gestaltet sind. Alle Modelle haben weiche Animationen, wie bspw. das Ausschlagen der Ruder. Die besonders detaillierten Modelle können sogar mit Raucheffekten, sich öffnenden Kabinenhauben oder einziehbaren Fahrwerken aufwarten. Zweifelsohne haben sich die Designer bei der Erstellung der Modelle viel Mühe gegeben – das gilt für die gut getroffenen Proportionen gleichermaßen wie für die sauberen Texturen.

Die Flugzeuge haben alle samt charakteristische Flugeigenschaften, die ihren Vorbildern entsprechen, mehr dazu auch ein paar Absätze weiter unten. Der ambitionierte Modellflugpilot hat im Editor die Möglichkeit, mit ein paar wenigen Mausklicks die Flugzeuge nach seinen Wünschen in ihren Proportionen (Größe) Gewicht und Flugeigenschaften (Anstellwinkel, Schwerpunkt etc.) zu verändern – und zwar ganz einfach mit einem Mausklick auf die entsprechenden Komponenten. Wer also herausfinden möchte, wie schwierig sich ein schwanzlastiges Flugzeug fliegen lässt, braucht einfach nur den Schwerpunkt entsprechend verändern.

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Die Szenerien

Es gibt zwei völlig verschiedene Arten von Szenerien, die der Aerofly darstellen kann. Zum einen gibt es die älteren 3D-Szenerien, in denen man durch fiktive Landschaften fliegen kann und die durchaus größer sind als ihre fotorealistischen Pendants. Diese sind jedoch durchaus besser und spielen alle Vorteile des Aerofly Professional aus. Obwohl es sich „nur” um platte Fotos handelt, sind die darin gezeigten Objekte voll in die Szenerieengine integriert. Berührt man also ein auf dem Foto gezeigtes Hindernis, wird dies entsprechende Folgen haben. In den fotorealistischen Szenerien kommt übrigens das Simulationserlebnis dadurch besonders gut zur Geltung, weil der räumliche Eindruck absolut stimmig ist und somit die Entfernung des Modellflugzeugs zum Betrachter sehr realistisch wirkt.

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Sound und Effekte

Naja, einen guten Sound haben Modellflugzeuge noch nie gehabt. Dieser hohe niiiäääääh-Ton der kleinmotorigen Zweitaktmotoren hat noch nie überzeugen können. Die großvolumigeren Boxermotoren der großen Modelle bollern ganz gut, so wie sie es auch in der Realität tun. Besonderes Gänsehaut-Feeling, im positiven Sinne, erzeugen die turbinengetrieben Flugzeuge. Auch wenn der Sound sicherlich nicht im Mittelpunkt dieses Simulators steht, so muss man zugeben, dass er ganz gut getroffen wurde. Nicht zuletzt wegen dem Doppler-Effekt, bei dem sich die Frequenz beim Vorbeifliegen ändert.

Effekte sind eher spärlich gesät, dürften aber als „das Salz in der Suppe” bezeichnet werden. Es sieht einfach toll aus, wenn man mit eingeschalteter Rauchanlage in Bodennähe torquet. Als Torquen bezeichnet man übrigens eine Kunstflugfigur bei der mit Halbgas angeflogen wird, dann schlagartig das Höhenruder gezogen wird (je größer der maximale Ruderausschlag, desto besser) und gleichzeitig in den Leerlauf gewechselt wird. Die Maschine dürfte dann einen kurzen Moment senkrecht in den Himmel steigen; kurz bevor sie dann abkippt wird soviel Gas gegeben, dass die Maschine in der Luft zum Stehen kommt. Je näher dieses Manöver in Bodennähe vollführt wird, desto spektakulärer ist es.

Gegenlichteffekte beim Durchfliegen der Sonne und Reflektionen auf allen Flugzeugteilen und Schatten lassen umso mehr Realismus aufkommen. Crash-Effekte bei Abstürzen gibt es auch, die Crashtoleranz scheint allerdings recht hoch zu sein. Bei extremen Manövern und Materialüberanspruchung kann ein Modell auch in der Luft zerbrechen. Bei solchen Unfällen ist die integrierte Wiederholungsfunktion sinnvoll, mit der man Flüge aufnehmen, wiedergeben und sogar abspeichern kann.

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Simulationsengine

Ein typischer Flugsimulator? Ja, im Grunde genommen ist der Aerofly das. Damit ist der grundsätzliche Aufbau des Programms gemeint, sprich die Art der Benutzerführung, der Menüs von der Flugzeugauswahl, die Manipulation der Flugeigenschaften, der Wettergenerierung etc. Wie es der Natur des Modellflugs nun einmal entspricht, wird größtenteils aus der Beobachtersicht geflogen. Je nach Bildschirmgröße und -auflösung ist die Zoomoption sehr hilfreich, genauso wie die einblendbaren Informationen über Höhe, Geschwindigkeit und dergleichen mehr. In manchen Addon-Szenerien ist es auch möglich, die Beobachterposition zu wechseln, doch dazu später mehr.

Die Flugdynamiken der standardmäßig enthaltenen Modellflugzeuge sind an das Flugverhalten der realen Vorbilder angelehnt, wobei hier auf die Formulierung zu achten ist: Die Flugzeuge reagieren auf die Steuereingaben so, wie es die echten Modellflugzeugen tun würden – es ist also ein authentisches Flugverhalten, worauf es uns ja letztlich ankommt und mit dem man gut trainieren kann. Doch als „ultra-realistisch” ist das Flugverhalten nicht zu bezeichnen, denn insgesamt hat man das Gefühl, die Modellflugzeuge fliegen zu einfach. Das ist kein Widerspruch zur obigen Aussage, der Aerofly Professional Deluxe ist definitiv ein guter Heimtrainer. Man kann mit ihm wunderbar die Steuerungsabläufe für komplexe Kunstflugfiguren wie bspw. Rollenkreis, Messerfluglooping etc. üben – und diese Figuren setzen nun wirklich überzeugende Flugeigenschaften voraus.

Der 2-Spieler-Modus wurde nicht getestet, man kann aber an einem Rechner zu zweit fliegen. Es mag sein, dass man damit spezielle Manöver, wie bspw. den Flugzeugschlepp mit einem Segelflugzeugen, gut üben kann.

Der Angstfaktor

Angst dürfte wohl die größte Hürde dafür sein, wieso sich manche Modellflieger in ihren Fähigkeiten nicht weiterentwickeln. Jeder, der bereits einmal zu Saisonbeginn sein Flugmaterial stark dezimiert oder gar ganz verloren hat, weiß, wie frustrierend eine unüberlegte Steuerbewegung sein kann. Alle Zeit fürs Basteln und allem Geld für den Ersatz zum Trotz – Angst kann nur durch kontinuierliches Training bekämpft werden. Und hier greift das Konzept des Aerofly Professional Deluxe. Die einmaligen Anschaffungskosten bewegen sich zwar auf vergleichsweise hohem Niveau, dürften sich aber durch das Training schnell amortisieren. Modellflug ist nun einmal ein teures Hobby!

Als Modellflieger mit jahrzehntelanger Erfahrung ist mein Vater sicherlich ein Experte. Er hat eigentlich alle Trends in der Szene mitgemacht und fliegt nun leidenschaftlich gerne große Kunstflugmodelle mit über drei Metern Spannweite und turbinengetriebene Jets. Keine Frage, dass ich ihn bei der Urteilsfindung über den Aerofly Professional Deluxe um seine Meinung gebeten habe – und er trainiert nun sehr gerne mit dem Modellflugsimulator.

Addons

Wie es sich für einen richtigen Flugsimulator gehört, kann auch der Aerofly-Simulator mit Addons aufwarten. Zwei Addons verdienen besondere Aufmerksamkeit:

Das „AeroFly Professional Deluxe Team Edition 1 AddOn” enthält acht Flugzeug- bzw. Helikoptermodelle sowie fünf Fotoszenerien. Das Addon von IPACS dürfte sich in erster Linie an erfahrene Modellflugpiloten richten, schließlich werden hier die Modelle der Profi-Modellflugpiloten möglichst exakt simuliert. Diese Weltklassepiloten bürgen für die Authentizität der Modelle, indem sie die Designer nach exakten Vorgaben arbeiten ließen und sogar eine Abnahme gemacht haben. Wer also immer mal wissen wollte, mit welchem Equipment die richtigen Profis an Wettbewerben teilnehmen, sollte sich dieses Addon nicht entgehen lassen. Zwei der enthaltenen Szenerien lassen auch Wettbewerbsstimmung aufkommen: In Herrieden findet die deutsche Jet-Meisterschaft 2008 statt und in Vohenstrauss wurde im vergangenen Jahr die F3C-Heli-Meisterschaft ausgetragen.

Praktisch gesehen können sich Enthusiasten auf besonders gut simulierte Modelle freuen, die sich in ihren überzeugenden Flugeigenschaften von den standardmäßigen Modellen unterscheiden. Erwähnenswert ist die Bandbreite der acht Maschinen, die bspw. von der kleinen elektrogetriebenen Sukhoi Su-29 vom Italiener Sebastiano Silvestri über die starke „Krill Katana” mit drei Metern Spannweite von Gernot Bruckmann bis zum massigen Airbus A380 von Peter Michel. Für die ebenso enthaltenen Heli-Modelle braucht man wirklich Fingerspitzengefühl, denn jeder Nieser dürfte fatal für die flinken Libellen mit ihren giftigen Flugeigenschaften sein.

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Das „AeroFly Professional Deluxe True Scale AddOn” enthält 18 Flugzeuge und fünf Fotoszenerien. Wie der Titel bereits sagt, werden in diesem Addon Großmodelle simuliert. Der Scale-Modellbau stellt für viele Enthusiasten die Königsdisziplin dar – schließlich wird hier mit dem Ziel gebastelt, die Modelle den großen Vorbildern so exakt wie möglich nachzuempfinden. Und so entstehen recht große und schwere Modelle, deren Flugeigenschaften nicht all zu weit entfernt von den großen Vorbildern liegen. Nicht jeder Pilot traut sich, Stichwort „Angstfaktor”, ein Großmodellflugzeug, in dem sehr viel Bauzeit und Geld stecken, zu fliegen. Hier greift das Konzept des True Scale Addons…

In der Tat unterscheiden sich die Flugeigenschaften der Modelle deutlich von den kleineren Pendants. Wer meint, die großen Modelle ließen sich eher ruhig und gemächlich fliegen, hat sich geirrt, denn es ist schon eine große Kunst, die schweren Modelle auf den teils kleinen Flugplätzen zu landen. Der simulierte Scale-Modellflug macht einfach Spaß – und das gilt für die im Addon enthaltenen Segelflugzeuge (bspw. DG-101, Salto) genauso wie für die großen Doppeldecker (Antonov An-2, Tiger Moth) oder die Helikopter (NH-90, Robinson R22). Das Scale-Addon ist eine echte Empfehlung, der im Modellflug mal etwas anderes ausprobieren möchte – und wer weiß, vielleicht springt ja der Funke über und man wagt sich an den Bau eines echten Scale-Modells.

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Beide Addons enthalten übrigens hochqualitative Fotoszenerien, die teilweise mit eigens entwickelten Multi-Pano-Technologie ausgestattet sind. Diese Technologie erlaubt es, den Standort per Tastendruck zu wechseln, wofür der Modellflugplatz aus verschiedenen Perspektiven fotografiert wurde und das Bildmaterial anschließend für den Simulator aufgearbeitet wurde. Die Schwierigkeit dürfte darin liegen, das Modellflugzeug beim Perspektivenwechsel an der richtigen Position darzustellen, was aber in der Praxis problemlos klappt.

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Die Community

Wie es sich für einen „richtigen” Flugsimulator gehört, gibt es auch hier eine recht aktive Community, die untereinander Freeware Szenerien oder Modelle tauscht. Nicht zu verachten ist auch das gewaltige Wissenspotenzial in Foren wie bspw. im RC-Sim Forum, wo der Aerofly-Simulator das am meisten besuchte Board belegt. Ob es um neue Szenerien, Modelle oder den Sim an sich geht, hier gibt es jeden Tag Neuigkeiten für Interessierte.

Fazit

Die einschlägige Modellflugpresse lobt den Aerofly Professional Deluxe Modellflugsimulator ausdrücklich als probates Trainingsmedium. Ich sehe keinen Grund, warum ich nicht auch zu diesem Fazit kommen sollte. Der Aerofly Professional Deluxe – und die Addons – sind eine echte Bereicherung für (angehende) Modellflugpiloten. Der hohe Trainingsnutzen dürfte die Anschaffungskosten recht bald wett machen, denn jeder echte Absturz kostet oft ungleich mehr. Und: Man kann auch während der kalten Jahreszeit endlich fliegen!

PRO CONTRA
  • Auswahl Modellflugzeuge
  • Fotorealistische Szenerien
  • Flugverhalten
  • Erweiterungsfähig mit Free- & Payware
  • lebendige Community
  • sinnvolles Training
  • 2D Szenerien
  • Crashtoleranz zu hoch
INFORMATION TESTSYSTEM

  • AMD 3400+
  • 1 GB RAM
  • GeForce 5950 Ultra, 256 MB

Paul & Holger Kistermann

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