Review: Pointsoft Pro-ATC/SR (MSFS)

“Roufen Sai dän Controltower!” – “Mälden Sai Siktkontakt!” Wer kennt es auch? Sobald die MSFS-“onboard”-ATC solchen babylonischen Sprachenmischmasch von sich gibt, ist man endgültig überzeugt: Das ist nix! Die plakativen Beispiele lassen sich zwar beheben, wenn man die Ingame-Sprache komplett auf Englisch umstellt – aber es ändert nichts daran, dass die mitgelieferte Flugsicherung von Asobos Simulator bestenfalls rudimentär und eine Notlösung für Leute wie mich ist, die während ihrer Soloflüge hinterm Horizont nach etwas mehr Immersion suchen.

Also, was tun? Klar, Online-Netzwerke wie VATSIM oder IVAO sind immer noch das Beste, wenn man etwas Lebendiges sucht und sich nicht völlig alleine in der virtuellen Welt vorkommen möchte. Aber zumindest mir geht es oft so: Der alltägliche Wahnsinn zieht sich in den Abend. Wenn dann Zeit für einen kurzen Flug ist, halte ich Ausschau nach besetzten Flugsicherungszonen und Airports. Je später der Abend, desto weniger wird es – und nicht selten meldet sich der Controller am Abflugort genau dann ab, wenn die ganze Vorarbeit über Simbrief etc. und Starten und Programmieren des Sims gerade abgeschlossen sind. Und während man dann die erste Hälfte schon einsam auf der Unicom-Frequenz verbracht hat, verabschiedet sich auch der Controller am Zielort.

Unter anderem für solche Fälle scheint das Tool gedacht zu sein, das Entwickler Pointsoft nun nach bereits langem Support für P3D und FSX auch in den Microsoft Flighsimulator gebracht hat: Pro-ARC/SR. Was verspricht es, was kann es und vor allem: Lohnt sich der Kauf? Das folgende Review will Antworten liefern.

HINWEIS: Da ich die Vorgänger-Version des Tools für die anderen Simulatoren nicht kenne, wird hier ausschließlich der Einsatz im MSFS untersucht. Was sich zur neuen Version geändert hat und was wo anders funktioniert, ist daher irrelevant für dieses Review.

Produktumfang, Kauf, Installation

Pointsoft bietet Pro-ATC/SR als Komplettlösung für diejenigen an, die eine annähernd realistische Flugsicherung im MSFS suchen, die den Sim-Piloten von der IFR-Freigabe bis zur Gate-Zuweisung am Zielflughafen durch die virtuellen Lüfte führt. Anflüge, SIDs und STARs sollen dabei abhängig vom Wetter vergeben und bei wechselnden Bedingungen entsprechend neu zugewiesen werden – oder nach Wunsch des Piloten. Zudem wird auch der AI-Traffic geführt. Hinzu kommen Features wie zahlreiche automatisierte Abläufe im Cockpit durch einen Co-Piloten, Flugplanung im Tool selbst sowie der Import von Simbrief-Flugplänen und zahlreiche Sound-Erweiterungen.

Die wichtigste Neuerung, die die nun aktuelle Version liefert, die auch mit dem MSFS kompatibel ist, zeigt die Abkürzung “SR” im Namen des Tools: Pro-ATC soll jetzt in der Lage sein, komplett über Spracheingabe steuerbar zu sein und auf Sprachangaben des Sim-Piloten entsprechend zu reagieren und mit ihm zu kommunizieren. Ein immenser Gewinn für die Immersion (also: das Gefühl, von der virtuellen Welt so eingenommen zu sein, dass sie sich echt anfühlt). Das setzt allerdings voraus, dass es auch funktioniert – wir werden sehen, wie es darum bestellt ist.

Der Kauf ist ausschließlich über Pointsofts Website mittels Paypal möglich. Wichtiger Hinweis, den aber auch der Hersteller liefert: Name, Vorname und E-Mail-Adresse müssen bei der Aktivierung des Lizenzschlüssels exakt den Angaben entsprechen, die im Paypal-Account hinterlegt sind, damit die Freischaltung gelingen kann. Aus dem rund 600 MB großen Download entsteht später ein 2,3 GB großer Programmordner.

Auf den ersten Blick unspektakulär, aber mächtig: Die Flugübersicht des Hauptmenüs

Der erste Start kann etwas Zeit in Anspruch nehmen, da zunächst alle vorhandenen Szenarien in Pro-ATC bzw. das dafür nötige Format importiert werden müssen. Ohne genau zu verstehen, was im Einzelnen passiert, führt einen das Tool aber zielsicher durch die erforderlichen Menüs. Auch der AIRAC-Circle kann individuell installiert werden, eine Anbindung an Navigraph ist gegeben. In jedem Fall sollte hier aber darauf geachtet werden, dass der für Pro-ATC genutzte AIRAC dem des Simulators entspricht. Ist dem nicht so, werden später unter Umständen andere Flugrouten und Prozeduren vom Piloten verlangt, als sie in seiner Datenbank im FMC verfügbar sind.

Was durchaus tricky sein kann und eventuell ein klein wenig zusätzlichen Aufwand erfordert, ist die Einrichtung der Spracherkennung. Dieses funktioniert ausschließlich auf Englisch, weshalb entweder das English-UK oder English-US-Sprachpaket unter Windows installiert UND trainiert sein muss. Letzteres bedeutet, dass die Spracherkennung mindestens einmal unter komplett auf Englisch umgestellten Windows benutzt worden sein muss. Windows 10/11 bietet hier auch einige Fallstricke – so gibt es zwei Stellen, an denen man das englische Sprachpaket auswählen muss, damit es übernommen wird und man überhaupt mit dem Trainieren des Systems beginnen kann, damit es die eigene Sprache auch erkennt. Wie genau das alles geht, sollte man bei Unsicherheit einmal zusammen goog…., recherchieren (welche Suchmaschine man nutzt, ist natürlich jedem freigestellt).

Pointsoft hat das Thema auch in einem von vier mitgelieferten Hilfe-PDFs thematisiert, die sich auch im Tool-Menü unter dem Punkt “Hilfe” einzeln aufrufen lassen. Im Einzelnen sind das ein Quickt-Start-Guide, eine Erklärung der Spracherkennung, eine Schilderung des Inflight-Menüs und ein Musterbeispiel, wie man einen IFR-Flug mithilfe von Pro-ATC durchführt. Das alles hilft tatsächlich.

Was jedoch fehlt, ist ein umfassendes Handbuch für das gesamte Tool, das einfach sehr mächtig ist und viele Funktionen erst einmal gefunden und verstanden werden müssen. Zwar gibt es an einigen Stellen Tooltipps, wenn die Maus länger an der entsprechenden Stelle verharrt. Dennoch bleibt das starke Gefühl, das große Potential des Tools nicht ausschöpfen oder Fehler in der Bedienung nicht immer ausfindig machen zu können.

Flugplanung

Ist dann alles installiert, kann der erste Teil der Arbeit in Pro-ATC erfolgen, ohne dass dafür bereits der MSFS gestartet worden sein muss. Bevor dort die Parkbremse gelöst wird, muss erst einmal ein Flugplan für Pro-ATC erstellt werden. Dazu wählt man Start- und Zielort, kann einen Alternativflughafen angeben, seine Airline und Callsign festlegen und entscheiden, ob man automatisch ein Gate am Ziel zugewiesen bekommen möchte oder ein bestimmtes ansteuern will. Auf Wunsch erstellt Pro-ATC dann auch einen Flugplan mit Airways und Routenpunkten. SIDs oder STARs werden jedoch noch nicht bestimmt, da diese Ingame je nach Wetterlage ausgewählt werden.

Auswahl des Startflughafens aus einer langen Liste

Kleiner Einschub an dieser Stelle: Die Wetterdaten zieht sich Pro-ATC von der amerikanischen Wetterbehörde NOAA bzw. von VATSIM. Alternativ greift es, falls so konfiguriert, auf die Daten des Simulators zurück, kann dies jedoch nur im Umkreis von 200 NM des Flugzeuges, sodass keine weite Vorhersage für den Zielort möglich wäre. Entsprechend ist diese Option seitens Pointsoft nicht empfohlen. Zudem soll die Integration des MSFS-Wetters eigentlich noch nicht richtig funktionieren – beim Test waren hier aber keine Probleme zu melden.

Hinterlegt man seine Piloten-ID (nicht den Nickname!) von Simbrief, lassen sich die Flugpläne auch von dort importieren. Besonders praktisch: Die Option, den letzten Plan zu ziehen. So erstelle ich meine Planung wie gewohnt bei Simbrief und habe mit zwei Klicks diese auch in Pro-ATC übernommen – schon kann es losgehen. (Achtung allerdings: Einige Dinge wie das Callsign, die Flughöhe oder der Alternate werden manchmal nicht oder nicht richtig übernommen, also genau hinschauen, was importiert wurde).

So soll’s dann laufen: Einmal Bremen nach Frankfurt, bitte!

Weitere Konfiguration

Noch ein Schritt, den man zumindest beim ersten Flug gehen sollte, ist die optimale Konfiguration des Tools, wie man sie am liebsten hat. Wir wollen hier nicht alle Möglichkeiten ansprechen, da das den Rahmen deutlich sprengen würde. Aber unter anderem kann man an der Wahrscheinlichkeit drehen, ob man Holdings zugewiesen bekommt, ob während des Fluges andere Anflugrouten als ursprünglich eingereicht angewiesen werden, ob man selbst den Sinkflug einleiten möchte oder dazu aufgefordert werden will, und und und. Ebenfalls wichtig: Dass nach Möglichkeit die Runway zugewiesen wird, die auch die AI-Flieger des Simulators nutzen. Denn auch wenn Pro-ATC die Kommunikation mit den künstlichen Kollegen durchführt, kann es diese nicht “richtig” steuern. Entsprehend könnte es im schlimmsten Fall zu Gegenverkehr im Final kommen – und das will ja keiner.

Entdecke die Möglichkeiten: Konfiguration des Flugerlebnisses

Auch lassen sich die Dinge festlegen, die der imaginäre Co-Pilot regeln kann. Je nach Gusto regelt er den Autopiloten, fährt das Fahrwerk und die Klappen ein, konfiguriert die Lichter und übernimmt auch die Kommunikation mit der ATC, wenn man das nicht selbst machen möchte. Besonders hilfreich ist die Option, die Funkfrequenzen vom Sitznachbarn auswählen zu lassen. Das spart lästiges Herumdrehen am Funk, wenn man in manchen Bereichen von einem Center zum nächsten geleitet wird. Diese Funktion kann Pro-ATC auch beim A320 von Fenix übernehmen – alle anderen Dinge funktionieren bei diesem Addon allerdings (noch) nicht. Mit anderen beliebten Payware-Flieger wie die 737er von PMDG, Leonardos Maddog oder die kostenfreie FlyByWire A320 hingegen kann der Pro-ATC-Co-Pilot umgehen.

Auch Gimmicks wie das Ansagen der Startgeschwindigkeiten, des Tempos beim Rollout oder das Abfragen von Checklisten sind im Tool integriert. Wer will, kann auf der jeweils ausgewählten Frequenz auch Soundfiles von realem ATC-Chatter abspielen lassen. Diese sind nach Möglichkeit auch angepasst an die Region, in der man unterwegs ist – wiederholen sich aber verständlicher Weise irgendwann einfach immer wieder. Diese Option ist daher ziemliche Geschmackssache.

Zuletzt ein Wort zur Konfiguration der Sprachsteuerung: Ganz ohne Tastenbefehle kommt diese nicht aus, denn alleine schon das Aktivieren der Erkennung setzt einen Knopfdruck voraus. Soweit verständlich. Weniger verständlich ist jedoch, dass die Auswahl der Tasten alleine auf die Zahlen- und Buchstaben begrenzt ist. Sonderzeichen wie das Circumflex, das doch so schön praktisch oben links auf der Tastatur liegt und seltenst mit anderen Dingen belegt ist, fehlen in der Auswahlmöglichkeit. Das mag kleinlich klingen, hat mich aber gestört, zumal ich Ingame dann öfter gemerkt habe, dass der im Pro-ATC-Menü ausgewählte Buchstabe dann doch im Sim noch eine Funktion hatte, die ich gar nicht aktivieren wollte. Abhilfe sollen zwar Präfixe wie Shift oder Alt schaffen – das funktionierte in meinem Fall aber zweimal nicht, weshalb ich zu einzelnen Buchstaben zurückkehren musste. Die Tastenkombinationen lassen sich auch nicht mehr ändern, wenn der Flug in Pro-ATC gestartet wurde. Hier hilft nur ein Neustart von vorn.

Es geht los – oder?

Nun aber genug des Vorgeplänkels, rein ins Vergnügen. Der Plan ist erstellt, das Tool konfiguriert, der Sim gestartet und der Flieger wurde ordnungsgemäß aus dem Cold-and-Dark erweckt. Über den Befehl “Fly-now” wird der Flugplan ins Ingame-Menü von Pro-ATC übertragen, welches sich dort öffnet. Dieses liegt nun “über” allen Programmen und lässt sich nicht vollständig ausblenden, aber zumindest weitgehend minimieren. Nicht vollends ideal, aber durchaus in Ordnung. Im Ingame-Menü lassen sich auch Dinge wie das METAR für Start- und Zielflughafen nachschlagen sowie die wahrscheinlichen Ab- und Anflüge. Das hilft beim finalen Programmieren des FMC.

Zeit also für den Moment der Wahrheit – das erstmalige Sprechen mit der Flugsicherung und Einholen der IFR-Freigabe. Pro-ATC hilft hier, indem es uns die nötige Frequenz für den Anfang nennt und auch, welche Phrasen im virtuellen Kontrollturm von uns erwartet werden. Ich drücke die Taste für die Spracherkennung, die wie erwartet ein Lämpchen im Menü grün werden lässt und spreche nach, was mir vorgegeben wird. Übrigens: Auch wenn man zig Flugstunden in Online-Netzwerken verbracht hat und geübt ist in der Phrasologie, sollte man sich tunlichst an das halten, was Pro-ATC vorschlägt. Sonst herrscht bei Abweichungen nämlich Stille im Äther.

Keine Sekunde später antwortet der Controller und gibt die nötigen Anweisungen für die Freigabe wie das QNH, die erste Flughöhe und den Squawk-Code. Einiges davon klingt sehr abgehackt, andere Sätze wiederum wirken flüssig und somit fast real. Leider sind manche Dinge nicht stringent durchgezogen. So bekommt man wie erwähnt einen Squawk, soll aber beim Readback “Transponder” sagen. Hier könnte sicherlich noch nachgebessert werden, ebenson beim Erkennen des erforderlichen Readbacks. Das klappt nicht immer, lässt sich aber abkürzen, indem nur die zugewiesene Start-Runway und das eigene Callsign gelesen werden.

Erste Kontaktaufnahme mit der Flugsicherung am Bremen Airport

Sobald man die Frequenz der nächsten Kontrollstelle zurückgelesen hat, wechselt der Co-Pilot automatisch auf die entsprechende Welle – mehr als praktisch! Das Ganze fühlt sich gut an, Flüchtigkeitsfehler wie “Puschback” statt “Pushback” in den schriftliche Antwortempfehlungen fallen zwar auf, haben aber natürlich keine Auswirkung auf das Geschehen.

Sehr wohl jedoch, wenn die ATC uns nicht richtig erkennt oder es einfach nicht weitergeht. Und genau das war bei mir bei mehreren Testflügen (unterschiedliche Airports, andere Fluggesellschaften, andere Zeiten) leider der Fall. Sobald die Taxifreigabe kommt und diese zurückgelesen werden soll, erkennt das Tool mich einfach nicht. Stattdessen wird gefragt, ob ich bestätige bzw. zugehört habe. In den Textanweisungen erhalte ich den Hinweis “Callsign!”. Etwas anfangen kann ich damit aber nicht, denn ich nutze das gleiche Callsign, wie bei denen vorherigen und den nachfolgenden Anweisungen. Dass es überhaupt folgende gibt ist nur dem Button “Force takeoff from here” zu verdanken, der zumindest bewirkt, dass mich die Bodenkontrolle durchwinkt und mir die Tower-Frequenz nennt.

Wie gerade gelesen kann man natürlich den ganzen Prozess auch per Knopfdruck im Ingame-Menü durchgehen, ohne das eigene Mikrofon zu nutzen. Das ist jedoch durchaus fummelig, da ich erst das Menü ansteuern, den Reiter mit den Kommandos wählen und diese angeben muss. Zudem funktioniert selbst das im nächsten Schritt meist nicht, denn nach der Erlaubnis des Towers, auf die Runway zu rollen, lässt sich das Kommando “line up…” nicht zurücklesen. Sehr schade! Denn gerade bei der Startfreigabe kribbelt es doch am meisten und vor allem geht die berühmt-berüchtigte Immersion flöten, weshalb der ganze Aufwand überhaupt geleistet wird.

Am Short zur 09: “Line up!” – Ja gerne, aber warum hört mich niemand?

Flugführung: sicheres Geleit

Mit der Notlösung (einfach abheben ohne finale Freigabe…) geht es aber immerhin weiter – hier war durchaus zu befürchten, dass die Kommunikation absterben könnte, so wie es die Ingame-ATC gelegentlich macht, wenn man Anweisungen ignoriert. Zu allem Überfluss habe ich im Eifer des Gefechts vergessen, die zugewiesene SID einzuprogrammieren, weshalb der Abflug etwas ungelenk ist. Aber hier greift Pro-ATC schon früh ein: Ich bekomme regelmäßige neue Headings, die ich brav bestätige und abfliege. Das führt tatsächlich schnell auf die eigentlich vorgesehene Route zurück und fühlt sich sehr gut an!

Kleine Abweichung vom Plan, dann ein Direct – Pro-ATC lässt nicht nur stumpf zuvor geplante Routen abfliegen

Unterwegs nach Frankfurt wird das ein und andere Mal die Frequenz gewechselt, ab- und anmelden klappt sehr gut, in Stufen werde ich auf die Reisehöhe geführt. Ein kurzes Stück soll von der vorgesehenen Flugroute abgewichen werden. Ich spiele das Spiel ohne zu hinterfragen mit, kann mir den “Haken” im Nachhinein aber nicht erklären. Noch während einige Fragezeichen über meinem Kopf schweben erhalte ich einen Direct. Klasse, das bringt Leben in die Geschichte und kürzt zudem die Route ab. Der Sinkflug wird auch zur rechten Zeit freigegeben und als Verkehr in der Nähe ist, soll ich kurz um tausend Fuß steigen. Als die “Gefahr” gebannt ist, erhalte ich wieder eine Sinkanweisung. So soll es sein – zwar bin ich nur Flusi-Pilot und damit Laie, aber zumindest stelle ich es mir so vor und kann die Dinge auch alle nachvollziehen.

Dann jedoch zeigten sich erste Schwächen: Der Wind ist anders als beim Abflug und statt eine der 07er-Bahnen zu nehmen, wie ursprünglich geplant, switcht Pro-ATC um. Das ist zwar klasse und soll ja auch so sein – nur erhalte ich die Anweisung, auf Runway 18 zu landen. Diese ist jedoch eine ausschließliche Startbahn und für Landungen gar nicht vorgesehen. Ein zugegeben sicher sehr spezieller Fehler, da solche Eigenheiten eventuell im System gar nicht hinterlegt werden können. Das bringt jedoch alles ein wenig durcheinander, denn es gibt für die 18 keine brauchbare STAR.

Ich gehorche weiter der Flugsicherung und erhalte Vektoren. Damit sollte man arbeiten können und ein Stück weit machen sie auch Sinn, wenngleich der Weg ziemlich weit über Mainz hinaus auf Westkurs geht, ehe erst ungefähr auf halben Weg zwischen FFM und der luxemburgischen Grenze die Anweisung zur 180°-Kehre kommt. Hier übrigens auch noch eine Sache, die etwas nerven kann: Man erhält gut alle 30 Sekunden ein neues Heading, das ja auch wieder bestätigt und eingedreht werden will, da Pro-ATC nicht direkt den Gegenkurs anweist, sondern sich diesem in Häppchen nähert. Ob das in der Realität auch so ist, weiß ich nicht. Es sorgt jedoch für unnötigen Stress und Mehrarbeit.

Knapp vorbei ist auch daneben – nach Frankfurt lotst uns Pro-ATC heute nicht korrekt

Der Weg führt zurück zum Flughafen Frankfurt, doch landen werde ich hier heute mit Pro-ATC leider nicht. Die Vektoren führen direkt über das Airport-VOR und danach: Nichts. Keine weiteren Angaben für eine lange Zeit. Als ich schon längst wieder über der Rhön bin, breche ich diesen Flug ab. Ich habe nicht das Gefühl, dass mich Pro-ATC irgendwie auf die 18 oder zu einer Alternative führen wird. Äußerst schade, denn unterwegs fühlte ich mich sehr gut betreut.

Bring uns zum Boden

Das Missgeschick kann so nicht bleiben, ein zweiter Versuch wird gestartet (so wie einige weitere danach, auf die ich hier nicht mehr detailliert eingehe – die Erkenntnisse daraus sind schon in den Text eingeflossen). Diesmal geht es mit der PMDG 737-700 von Düsseldorf nach Hamburg.

Direkter Blickkontakt zum Tower: Die Kommunikation klappt gut, bis zur Rollfreigabe

Hier das gleiche Bild wie zuvor: Die IFR-Freigabe lässt sich bis ins letzte Detail zurücklesen, die Maschinen laufen, Pushback-Freigabe ohne Murren – doch beim Zurücklesen der Taxiways wird dieses abermals nicht erkannt und nach einem Callsign verlangt. Dieses lautet inzwischen Condor 1122, aber während (fast) alle anderen Stellen damit klarkommen, funktioniert es beim Ground einfach nicht. Immerhin aber ist diesmal auch die korrekte SID programmiert und ich erhalte direkt nach dem Start die Bestätigung, diese abzufliegen.

Der kurze Flug verläuft ohne Aufsehen. Als wir uns aber dem Waypoint RIBSO nähern, an dem die STAR zur Hamburger 05 beginnt, werden wir trotz zuvor erfolgter Freigabe für eben diese STAR per Heading davon in Gegenrichtung weggeschickt – und zwar eine verdammt lange Weile. Gefühlt erst kurz vor Hannover geht es zurück auf den rechten Weg. Das kann eigentlich nicht stimmen!? Bei einer späteren Wiederholung des Fluges nutzen wir dann die Funktion über das Ingame-Menü, direkt RIBSO ansteuern zu dürfen. Das spart ordentlich Zeit und Sprit.

Kein Durchblick in den Wolken, im Menü aber schon

Über das Ingame-Menü lassen sich unterwegs übrigens Dinge wie METAR, die ILS-Frequenzen der geplanten Bahnen und alle vorgesehenen Wegpunkte nachschlagen. Sehr praktisch!

Kurz vor RIBSO wird auch hier eine andere Bahn angesagt, nämlich die 23. Schnell alles im FMC programmiert, da geht es auch schon längst in den Sinkflug. Wie schon unterwegs fühlt sich das mehr als solide an. Die STAR muss auch nicht komplett und strikt nach Vorschrift abgeflogen werden, da uns Pro-ATC fast ans Final heranlotst und uns dann auf den Landekurs schickt. Richtig gut! Dank der Ingame-Menü-Infos muss ich – faul wie ich bin – die ILS-Frequenz nicht in den Charts nachschlagen, sondern ziehe mir die Infos von dort. Wenige Minuten später setzt die Boeing auf der Rollbahn auf, beim Rollout meldet sich schon der Tower mit der Ground-Frequenz und der Bitte, die Bahn nach links zu verlassen. Geht klar!

Die Rollanweisung wird brav gelesen, das Readback leider nicht akzeptiert

Die Euphorie wird nur leider gleich wieder einkassiert. Denn schon wie beim Rollen zur Startbahn gelingt auch hier das Zurücklesen des Weges zum Gate (welches übrigens automatisch zugeteilt wurde) nicht. Regelrecht frustiert nach dem x-ten Versuch (man spricht automatisch lauter und energischer, auch wenn es natürlich nichts bringt) rolle ich brav den angewiesenen Weg und stelle die Maschine am Gate ab. Ein Feedback gibt es jetzt nicht mehr und es bleibt das Gefühl, dass man selbst etwas falsch gemacht haben könnte.

Fazit

Der berühmte Boden der Tatsachen – bei Pro-ATC/SR habe ich ihn leider immer mal wieder gefunden. Absolut zu Gute halten muss man dem Tool, dass es verdammt viel kann und auch verdammt viel von dem macht, was es soll. Trotz “Alleinflug” ist da dieses Gefühl, dass man Teil er simulierten Welt ist, die auch voneinander abhängt und abhängig ist. Denn auch die Kommunikation mit AI-Fliegern ist zu hören. Auf der Karte sehe ich den Eurowings-Flug und dann ist zu hören, wie genau dieser eine Anweisung vom selben Controller erhält, der sich kurz zuvor um mich gekümmert hat.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Stimmen so viel flüssiger und lebendiger, als die Standard-ATC des MSFS. Aktiviert man für eine kurze Zeit das Background-Chatter, fühlt es sich noch echter an. Aufgrund der hohen Wiederholrate ist das aber nichts für Dauer.

Die Routenführung ist nachvollziehbar, passt sich äußeren Gegebenheiten wie dem Wetter, anderem Verkehr und eigenem Verhalten an. Das macht wirklich Spaß und bringt Abwechslung für Solopiloten, die nicht einfach nur stupide den bei Simbrief, Navigraph oder anderswo ausgetüftelten Flugplan absolvieren wollen. Genau dafür ist Pro-ATC/SR gedacht.

Die Sprachsteuerung jedoch, das Hauptfeature, ist Licht und Schatten zugleich. Wenn alles funktioniert, könnte man mitunter jubeln. Da es das jedoch leider für meinen Geschmack viel zu oft nicht oder nicht richtig tut, ist der Frustfaktor durchaus hoch. Es kam sogar schon vor, dass vor der endgültigen Landefreigabe noch eine Angabe zurückgelesen werden musste, die dann aber völlig falsch als Fehlanflug verstanden wurde – weshalb Durchstarten angesagt und alles nochmal neu geflogen wurde (aus dem schriftlichen Funkprotokoll ging übrigens hervor, dass ein Missverständnis durch Pro-ATC vorlag, kein eigenes Fehlverhalten…). Insgesamt fühlt es sich manchmal wie ein Glücksspiel an, ob man verstanden wird, oder nicht. Und das sollte nicht so sein.

Zieht man dann noch den stolzen Preis von gut 60 Euro heran (Achtung, bis zum 15. September noch 50 Euro!) erscheint das Preis-Leistungs-Verhältnis leider (noch) nicht angebracht. Sollten Updates hier deutliche Verbesserungen bringen, kann man nochmal darüber sprechen; auch, weil das Tool wie erwähnt durchaus mächtig ist. So aber kann ich leider keine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen.

Pro-ATC/SR: Weder Butter, noch Bruchlandung

Informationen

Pro Contra
  • Wenn sie funktioniert, macht die Spracherkennung sehr viel Spaß
  • Hohe Immersion
  • Großer Programmumfang
  • Routenführung passt sich flexibel an
  • Spracherkennung nicht zuverlässig
  • Manche Eingaben werden nicht erkannt
  • Wegführung gelegentlich fehlerhaft
  • Hoher Preis
Informationen Testsystem
  • Entwickler: Pointsoft
  • Preis: ca. 60€ (bis 15. Sep. 22: 50€)
  • Kauf: Pointsoft
  • AMD Ryzen 5 1500X Quadcore, 3,5 GHz
  • GeForce GTX 1050 Ti, 4 Gb
  • Windows 10×64, 32 Gb Hauptspeicher

 

Patrick T.

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Vielen Dank für dieses ausgewogene und erkennbar objektive Urteil.

Ich nutze nur die Buttonversion, mit dieser gibt es keine Probleme mit der Erkennung. Die Sprachsteuerung habe ich noch nicht genutzt, da die Soundausgabe nicht getrennt gesteuert werden kann. Ich nutze auch Pilot2ATC, hier kann die Soundausgabe des Controllers auf das Headset gelegt werden. Bei Pro ATC geht es leider nur über den Hauptsoundkanal. Oder hat hier jemand eine Lösung gefunden? Ich möchte nicht den vollständigen Sound des Flusi auf die Kopfhörer legen. Die brauche ich aber für das Mikro.

Moin,

EarTrumpet habe ich mir damals im MS Store geschnappt. Mit der App habe ich damals ProATCX auf mein Headset “gezwungen”. Man kann also Programme/Apps, die Sounds ausgeben, auf eine andere Soundausgabe, umstellen.

Hallo John,

vielen vielen Dank. Das war die Lösung. Warum das der Programmierer nicht hinbekommt? Es war nur ein kleiner Trick dabei, das Programm muss den Sound ausgeben, sonst erscheint es nicht bei EarTrumpet in der Auswahl.
Nochmals DANKE

Wie hast du das hinbekommen mit der Soundausgabe?
Gruss
Klaus

Hab es selber hinbekommen.
Trotzdem danke.
Klaus